Im Himmel, unter der Erde – Essenheimer Kunstverein

IM HIMMEL, UNTER DER ERDE

DOKUMENTARFILM VON BRITTA WAUER
28.1.2015
MITTWOCH 20 UHR (ACHTUNG: ANDERER WOCHENTAG) IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE ESSENHEIM KIRCHSTRASSE 5

Versteckt in einem Wohngebiet, umgeben von Mauern und bedeckt von einem Urwald aus Bäumen, Efeu und Rhododendron liegt der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee, 48 Hektar groß, mit 115.000 Grabstellen. Der Friedhof wurde nie zerstört, der größte jüdische Friedhof in Europa, auf dem noch immer bestattet wird. Ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch und ein Paradies für Geschichtensammler.

Vergessene sind dort begraben und viele berühmte Menschen wie die Kaufhausgründer Jandorf (KaDeWe) und Hermann Tietz (Hertie), der Hotelier Kempinski, der Verleger Samuel Fischer (S.FischerVerlag) und viele Künstler, Philosophen, Ärzte, Religionslehrer. Als erster wurde 1880 kein Berühmter begraben, sondern der Bewohner eines Altenheims, Louis Grünbaum. Auf seinem Grabstein steht seitlich eine große „1“, jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit angelegt. Einfache Steine stehen neben prächtigen Mausoleen, einige von den Bauhausarchitekten Mies van der Rohe und Walter Gropius entworfen. Angehörige, die die Gräber pflegen könnten, gibt es kaum. Die Shoa hat nicht nur das Leben von Millionen Menschen vernichtet, sondern auch das Andenken an viele geraubt. Britta Wauer und ihr Kameramann Kaspar Köpke haben bei ihren zahlreichen Besuchen dennoch einen höchst lebendigen Ort vorgefunden. Menschen aus aller Welt kommen dort hin und können von jüdischer und zugleich deutscher Geschichte erzählen, von der dieser Friedhof erfüllt ist.

Im Mittelpunkt des Films stehen diese Menschen, die von dem reichhaltigen Leben erzählen, das einst in Berlin zu Hause war, Menschen die mit ihren Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken deutlich machen, was an Weißensee so kostbar ist: der Rabbiner William Wolff zum Beispiel, 1927 in Berlin geboren, 1933 mit Eltern und Geschwistern nach Amsterdam und von dort nach London ausgewandert. Er lebt auch heute noch in England und ist doch Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Harry Kindermann sagt, dass er praktisch auf dem Friedhof groß geworden sei, sein Vater war Maurer auf dem Friedhof. Kindermann lebt heute in Ludwigshafen. Benny Epstein, 1933 in Berlin geboren, musste 1939 mit seinen Eltern innerhalb von 24 Stunden Berlin verlassen, lebt heute in den USA. 2008 besuchte er zum ersten Mal die Grabstätte seiner Großmutter auf dem Friedhof Weißensee. Gabriella Naidu, die erst vor wenigen Jahren entdeckte, dass das Grab ihrer Vorfahren in Berlin noch existiert, das ihr Urgroßvater Adolf Schwabacher, einst Direktor der Berliner Börse, für sich und seine Familie errichten ließ. Das Grab wurde jetzt von der Familie restauriert.

„Naturgemäß überschattet die Zeit der Nazidiktatur alle anderen Ereignisse“, sagt die Filmemacherin Britta Wauer, doch der Film beschränkt sich nicht darauf, „Todesfälle aus jenen Jahren zu erzählen…Viele der dort Begrabenen haben Außergewöhnliches vollbracht, etwas Besonderes geleistet oder Kurioses erlebt. Der Film erzählt auch komische, absurde und nachdenkliche Geschichten – und von einer großen Liebe – einer ohne Happy End.“

 

Nach der Vorführung Gespräch mit der Filmemacherin

Eintritt frei

 

Die Fotos zeigen in der Reihenfolge:
die Regisseurin Britta Wauer,
Rabbiner William Wolff,
Harry Kindermann und Frau,
Gabriela Naidu,
Daniel Hakerem,
Baruch Bernhard „Benny“ Epstein
Copyright: Amélie Losier/BritzkaFilm